Die Politik beeinflusst die deutschen Universitäten zunehmend. Es sei besonders auf die sogenannte Exzellenzinitiative verwiesen.

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Das hat Auswirkungen auf die Vergabe von Spitzenpositionen, denn immer weniger Universitäten bekommen immer mehr Geld. Das finanzielle Kapital in Form von Drittmitteln ist z. B. in medizinischen Fächern das wichtigste Zuweisungskriterium für eine universitäre Chefstelle. 

Dabei stellt sich erstens die Frage, ob es ein fachliches Verdienst ist, viel Geld eingeworben zu haben. Dann muss festgestellt werden, dass aufgrund der zunehmend ungleichen Verteilung von Geldern zwischen den Universitäten von einer echten Chancengleichheit nicht mehr gesprochen werden kann: Von einer drittmittelschwachen Universität aus braucht man sich gar nicht erst zu bewerben. Ein weiterer eklatanter Verstoß der Politik gegen die Chancengleichheit ist die Schaffung von Professuren nur für Frauen –– darauf soll hier nicht eingegangen werden.

Die Berufungsverfahren in der Medizin beschreiben sich zwar selbst als objektiviert und neutral, also ausschließlich den Verdiensten der Bewerber verpflichtet – aber stimmt das? Als eine wesentliche Entscheidungsgrundlage innerhalb eines Berufungsverfahrens hat sich in einer einem bestimmten chirurgischen Fach gewidmeten Studie (siehe http://cuncti.net/streitbar/141-berufungspraxis-in-deutschland) die Patronage von getreuen Schülern durch eine kleine Gruppe von Lehrstuhlinhabern, von deren Klinik aus sie sich beworben haben, herausgestellt. Es sind vor allem einflussreiche Netzwerke, nicht wissenschaftliche Reputation, die entscheidend sind. Es kommt damit zur Reproduktion des Führungspersonals aus großenteils denselben Kliniken und zur Ausbildung eines akademischen Kastensystems. Anders ausgedrückt: Es ist ein immer engerer Klüngel, der die Spitzenstellen unter sich verteilt.

Ob das in anderen Fächern auch so ist, kann die Studie natürlich nicht beantworten; es ist aber zumindest sehr wahrscheinlich. Auch daran ist eine falsche Politik schuld. Darauf deuten die Untersuchungen von Caspar Hirschi hin. Er ist promovierter Historiker und arbeitet an der ETH (Eidgenössischen Technischen Hochschule) Zürich. 2010 wurde Hirschi, wie seine Webseite mitteilt, ein Ambizione-Förderstipendium des Schweizerischen Nationalfonds zugesprochen, mit dem er seine Habilitation an der Professur für Wissenschaftsforschung und am Zentrum für Geschichte des Wissens abschließen kann.deutsche-befindlichkeiten

Hirschi hat in der „NZZ“ vom 7. Februar wie auch in der „FAZ“ vom 9. März 2011 Beiträge verfasst, die in vollkommen klarer Weise zeigen, wie ineffizient das deutsche Wissenschaftssystem ist und entsprechend reformbedürftig die Universität. Leider sind diese Artikel auch heute noch aktuell, denn die Politik hat - erwartungsgemäß - nicht reagiert. Nun wird ja ständig herumreformiert, aber Hirschi vermag plausibel zu zeigen, dass an den falschen Stellen reformiert wird. Wie in Deutschland vor allem der Soziologe Münch, so kritisiert auch Hirschi die seit 2005 ihr Unwesen treibende Exzellenzinitiative. Der Wahn der schieren Größe, der die Forschungsverbünde namens „Exzellenzcluster“ auszeichnet, führt dazu, dass ein solcher „bereits aufgrund seines personellen Umfangs als Leistungsausweis gilt, denn Größe und also Aufmerksamkeit sind der halbe Weg zum wissenschaftlichen Erfolg.“ Entsprechend sind die Mitarbeiterstellen an deutschen Universitäten zwischen 2003 und 2009 um 33 Prozent gestiegen, während die Professuren – inklusive Juniorprofessuren – um nur 2 Prozent angestiegen sind.

Der Grund liegt in der sklerotischen Struktur der deutschen Universitätsspitze. Den unbefristet angestellten Professoren (nur gut zehn Prozent des wissenschaftlichen Personals) gehört nach wie vor die ganze akademische Macht. Die befristet angestellten Mitarbeiter umgeben diese Professoren wie früher die Günstlinge bei Hofe die fürstlichen Patrons – und natürlich „trägt die Größe des Hofstaates zur Größe des Fürsten bei.“ Hirschi weiter: „Um sich im akademischen Betrieb zu halten, müssen sie den Ruhm ihres professoralen Patrons durch treue Dienste und wissenschaftliche Taten erhöhen.“ Dabei ist es „für die hierarchische Stabilität der Patronagebeziehung von Vorteil, Günstlinge möglichst lange im Ungewissen zu lassen, ob sie es auf eine Professur schaffen oder nicht.“ Wenn diese überzähligen Wissenschaftssklaven „zwischen vierzig und fünfzig noch immer ohne Professur dastehen, haben sie die Wahl zwischen dem Abwandern ins Ausland oder dem Absinken in Armut.“ Der Wissenschaftsrat höhnt diesen Wissenschaftlern nach dem Ende der Förderung hinterher, „das globale Wissenschaftssystem“ böte „vielfältige Optionen“. In den Geisteswissenschaften ist das eine zynische Prognose, da bekanntlich überall in diesem Bereich Stellen reduziert werden. Da bleibt nur die Umschulung in die IT-Branche oder das Taxifahren. Für Naturwissenschaftler mag das Ausland eine reellere Option sein.

Nebenbei erwähnt Hirschi noch eine weitere Absurdität der Exzellenzcluster: Überall in der normalen Welt wird nicht die Absicht bezahlt, sondern die erbrachte Leistung. Im Gegensatz dazu werden diese Großprojekte, die zudem noch „weder einer präzisen Problemstellung, einer konkreten Kooperationsform noch eines klaren Erkenntniszieles“ bedürfen, nicht nach, sondern vor der erbrachten Forschungsleistung bewertet. Die Gelder fließen also für den besten Märchenerzähler und hemmungslosesten Visionär. Es fällt einem eigentlich nur ein einziger weiterer spezieller Bereich ein, wo vor der erbrachten Leistung bezahlt wird. Ich meine nicht die Wäschereien.

Hirschi nennt konkrete Maßnahmen zur Verbesserung. Vorbild sind Großbritannien und Nordamerika, wo „mehr als die Hälfte der hauptberuflichen Wissenschaftler auf unbefristeten und unabhängigen Stellen“ forscht. „Man müsste die meisten Ordinariate samt Mitarbeiterstellen bei der Emeritierung ihrer Inhaber auflösen und, je nach Größe, in zwei oder mehrere unbefristete und unabhängige Lehr- und Forschungsstellen umwandeln, auf die man sich mit einem Doktorat bewerben kann und auf denen man bei hervorragenden Leistungen bis zum Professor aufsteigen kann. Wie in Großbritannien müsste die Stelle nach der Pensionierung ihres Inhabers wieder auf die Ausgangsposition zurückgestuft werden.“ Damit würden solche Patronagen, wie sie oben beschrieben wurden, zumindest erschwert.

Es ist wohl selbstverständlich, dass eine derartige umfassende Strukturreform der deutschen Universität, die den Namen verdiente, „nie aus Professorengremien heraus erfolgen“ wird. Der Wissenschaftsrat müsste wenigstens als Konsequenz aus Studien wie der oben genannten seine Empfehlungen zur Ausgestaltung von Berufungsverfahren überarbeiten – er tut aber nicht einmal das. Kein Wunder, wenn man sich ansieht, wie er zusammengesetzt ist – lauter Professoren und Professorinnen. In der  Wissenschaftlichen Kommission ist die „Gleichstellung“ bei mehr als 50% Frauen sogar übererfüllt! (Siehe http://www.wissenschaftsrat.de/ueber-uns/mitglieder.html). Stromlinienform pur! Und welche Politikerin, welcher Politiker wird die Kraft haben, eine solche Reform zu stemmen? Hirschi erwähnt, dass sich nach dem Zweiten Weltkrieg schon die Amerikaner am deutschen Lehrstuhl die Zähne ausgebissen haben; das veranlasst leider nicht zum Optimismus.

Dieser Artikel ist die erweiterte Fassung eines im Buch des Verfassers "Deutsche Befindlichkeiten" im Verlag Die Blaue Eule publizierten Textes.

 

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