Der Irrationalismus ist vermutlich die Urform menschlichen Bewusstseins. Und der Rationalismus ist das befreite, wahrhaft menschliche Bewusstsein. Diese Befreiung war sehr schwierig und langwierig, und sie ist, mit Blick auf die Gegenwart, ernsthaft gefährdet. Sie muss daher verteidigt werden.

EmotionVerstand bvcf5125 Julian Jaynes hat eine psychohistorische Theorie entwickelt, die die Evolution menschlichen Bewusstseins vom primären allgemeinen Animismus bis zur Gegenwart zu erklären versucht. Im Mittelpunkt steht dabei seine These der primären Existenz einer bikameralen Psyche und ihres  Zusammenbruchs, nun in bereits geschichtlicher Zeit.

Er demonstriert seine These u. a. an der Ilias und am Alten Testament sowie an archäologischen Funden. Aus der vermuteten mentalen Reorganisation, auch im Sinne einer veränderten hirnorganischen Funktionsweise, ergab sich, nun bereits in geschichtlicher Zeit, das, was wir als „Ich-Bewußtsein“ und „Denken“ bezeichnen, und was in und durch die griechische Philosophie der Antike voll entfaltet wurde.

Ein Bild des Renaissancemalers Rafael, es heißt: „Die Schule von Athen“ fasst all dies in einem einzigen Bild zusammen. Es bietet die Gestalt eines Rationalismus, der den vorherigen Irrationalismus in einer polytheistischen Welt zwar nicht abgelöste, aber mit ihm koexistieren konnte, und dem wir in unseren Grundlagen bis heute angehören.

Das war der antike Rationalismus, an den die Renaissance wieder anknüpfte, nachdem der siegreiche christliche Monotheismus in Gestalt der Institution Kirche die geistige Herrschaft übernommen hatte.

"Die faktische Schließung der platonischen Akademie in Athen durch Kaiser Justinian im Jahre 529 (oder etwas später) machte den dortigen philosophischen Studien ein Ende, die christianisierte Schule von Alexandria bestand allerdings fort und ging erst infolge der Perser- und Araberkriege unter, die Byzanz im 7. Jahrhundert zu bestehen hatte (siehe Römisch-Persische Kriege und Islamische Expansion). Bald nach der Mitte des 6. Jahrhunderts erlosch die Tradition der antiken-heidnischen Philosophie endgültig, wenngleich in Byzanz die Beschäftigung mit ihr nicht abriss. Einer der letzten bedeutenden spätantiken Neuplatoniker, der Christ Stephanos von Alexandria, wirkte dann zu Beginn des 7. Jahrhunderts in Konstantinopel. (...)
Das Christentum, das das mittelalterliche Weltbild Europas bestimmte, hat in seine Lehren viele Elemente antiker Philosophie integriert. Die dogmatischen Diskussionen und Streitigkeiten, die das spätantike Christentum dann vom 4. bis 6. Jahrhundert prägten und der Religion ihre heutige Form gaben, sind ohne den Hintergrund der griechischen Philosophie nicht verständlich.
Den weltanschaulichen Pluralismus, wie er in den nebeneinander bestehenden antiken Philosophieschulen und Religionen vorhanden war, hat der christliche Monotheismus allerdings von der Spätantike bis in das Zeitalter der Aufklärung hinein nicht mehr zugelassen.
Dem griechischen Philosophiehistoriker Diogenes Laertios aus dem dritten nachchristlichen Jahrhundert ist es zu verdanken, dass viele antike Philosophen trotz der Zerstörung der wohl bedeutendsten antiken Bibliothek in Alexandria nicht ganz in Vergessenheit gerieten: In lateinischer Übersetzung blieb sein Werk dem Mittelalter bekannt. Für den lateinischen Westen war vor allem Boethius von kaum zu überschätzender Bedeutung, da er unter anderem die Regeln der aristotelischen Logik in eine Form brachte, die das mittelalterliche Denken entscheidend prägen sollte.
Nach dem 6. Jahrhundert geriet ansonsten zumindest in Europa der größte Teil der antiken Philosophie in Vergessenheit. Die Weitervermittlung antiker Philosophie geschah in der Folgezeit hauptsächlich durch arabisch-islamische Denker wie Avicenna (980–1037) und Averroes (1126–1198) sowie durch den jüdischen Philosophen und Arzt Maimonides (1135–1204). Über solche Umwege gewann die Philosophie der Antike, insbesondere die des Aristoteles, auf die Philosophie des Mittelalters bei Scholastikern wie Albertus Magnus († 1280) und Thomas von Aquin († 1274) sowie bei Denkern der Frührenaissance allmählich wieder an Bedeutung. Ein zweiter Schub erfolgte im 15. Jahrhundert, als im Zuge der Renaissance westliche Gelehrte in den byzantinischen Osten reisten und Handschriften antiker griechischer Denker mitbrachten (so unter anderem Giovanni Aurispa) bzw., als byzantinische Gelehrte vor den Osmanen in den Westen flohen und als Vermittler antiker Bildung im Westen mitwirkten."

Der Rationalismus stand bis zum Beginn der Renaissance und der neuzeitlichen Philosophie unter der Fuchtel des Irrationalismus: die Philosophie war, wie es hieß, die Magd der Theologie, und ein Teil der mittelalterlichen Philosophie ist von der Qual gezeichnet, die sich aus dieser Unterwerfung immer wieder ergab. Glauben an ein Dogma, welches auch immer es sei, und rationales Erkennen sind inkompatibel und können nur um den Preis der psychischen Abspaltung nebeneinander bestehen.

Tatsächlich wurde der neuzeitliche Rationalismus nur langsam und schrittweise durchgesetzt, und seine Pioniere lebten ausgesprochen gefährlich. Giordano Bruno wurde hingerichtet, und Galileo Galilei wurde vor die christliche Inquisition gezerrt und und zur Unterwerfung gezwungen.

René Descartes, dessen Philosophie die aristotelisch-christliche scholastische Philosophie überwand, war vorsichtig genug, rechtzeitig auszuweichen und sich einem möglichen Zugriff zu entziehen. Und noch das Werk Charles Darwins ist bezüglich seiner Publikation wesentlich als Konflikt eines wissenschaftliche Rationalismus mit einem (kirchlichen) Irrationalismus mit einem entsprechenden Zeitgeist, dem Ausdruck der kollektiven Dummheit also, zu verstehen, dessen Reaktionen auf Darwins Erkenntnisse ja bekannt sind und bis heute anhalten, z. B. in Gestalt des Kreationismus.

Seither hat sich der neuzeitliche Rationalismus zwar durchgesetzt, dabei getragen von der Gesamtheit der sozioökonomischen Prozesse, aber er unterliegt dabei einer inhärenten Dialektik, die dazu tendiert, ihn in Irrationalismus umschlagen zu lassen.

Mit Blick auf unsere Gegenwart schreibt Michael Klein die folgende Diagnose:

“Alles ist möglich, nichts ist sicher.

Nicht mehr der rationale Diskurs über die empirische Bestätigung von Aussagen, der Wettbewerb der Argumente und Theorien steht im Zentrum der Gesellschaft, sondern das Gefühl, die Emotion, das was [(…) jemand, GB] für richtig hält. Es entstehen Gleichfühl-Gemeinschaften, in denen sich Individuen treffen, die sich vormachen können, sie hätten dieselbe Empfindung wie die anderen Mitglieder der Gleichfühl-Gemeinschaft. Gesellschaft als rationale Übereinkunft ist von der Gemeinschaft als Ort der Gleichfühl-Gesinnten abgelöst worden. Nicht mehr die Rationalität entscheidet über das, was als Norm zu gelten hat, sondern das in einer Gesinnungs-Gemeinschaft herrschende Gefühl.”

Die politische Linke i. w. S. ist wohl tatsächlich weitgehend zu einer "Gefühlslinken" heruntergekommen, d. h. sie wissen nicht zu begründen, inwiefern und warum sie im politischen Sinne "Linke" sind. Man "fühlt sich so", am liebsten gemeinsam, das ist schon alles. Man meint gefühlsmäßig, das vermeintlich moralisch Gebotene zu vertreten und zu betreiben, kann das aber nicht darlegen und nicht in der nötigen Weise zu differenzieren sowie andere Sichtweisen und Meinungen nicht nachvollziehen oder begreifen.

Die Gleichfühl-Gesinnten bilden soziale Milieus, die einerseits zu Abschottung neigen, und die andererseits heftig missionieren. Missionieren ist aber etwas ganz anderes als jemanden mit Gründen zu überzeugen. Das können sie sowieso nicht. Beim Irrationalismus tritt die willkürliche oder erzwungene Übernahme irrationaler Positionen an die Stelle der Einsicht. Und an die Stelle der Erkenntnis tritt ein Bekenntnis.

Ein Beispiel hierfür bietet die Universität Freiburg, die ein Bekenntnis zur angeblichen „sozialen Gemachtheit von Geschlecht, Unterschied von sex und gender“ verlangt. Hier wird eine ideologische Behauptung als Erkenntnis fingiert und zur Voraussetzung einer Zulassung zum Master-Studium erhoben:

㤠2 (2)
Der Bewerber/Die Bewerberin hat den Nachweis zu erbringen, dass er/sie über solide Kenntnisse zu genderrelevanten Frage- und Problemstellungen, beispielsweise soziale Gemachtheit von Geschlecht, Unterschied von sex und gender, verfügt. (...)Sofern der Bewerber/die Bewerberin geeignete Nachweise hierüber vorlegen kann, genügt es auch, wenn die in Satz 1 geforderten Kenntnisse im Rahmen einer beruflichen Tätigkeit in einem gendersensitiven Berufsfeld erworben wurden.“

Statt rationale Mittel in Gestalt der Kombination aus Sachlichkeit, Realitätssinn, Begrifflichkeit, Logik und Erfahrung anzuwenden, tritt zumeist die emotionale und moralische Beschwörung und Suggestion sowie oft eine moralische Empörung in Erscheinung, und in offensiver Hinsicht die Diffamierung. Und das ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern es blockiert mögliche konstruktive Dialoge.

Es geht hier m. E. um einen Konflikt zwischen einem für wissenschaftliches Denken typischen Rationalismus & Empirismus einerseits, und einem Irrationalismus, z. B. in Gestalt von Offenbarungsreligionen oder Ideologien andererseits. Aber der nihilistische Irrationalismus, den Georg Lukacs am Beispiel Friedrich Nietzsches kritisierte, er ist wieder da, und er ist in der Offensive:

1. als wissenschaftsfeindliche, postmoderne Philosophie insbesondere bei Michel Foucault, der aus meiner Sicht wie ein Wiedergänger Nietzsches wirkt, und in den feministischen Ausläufern des Postmodernismus, in denen diese Philosophie als Steinbruch verwendet wird,

2. als fehlende Kritik und als fehlender Widerstand gegenüber dem offensiven islamischen Irrationalismus. Denn nicht die halb aufgeklärten christlichen Kirchen sind aus Sicht des Rationalismus heute das Problem, jedenfalls nicht in Europa, sondern der Islam, der sich nicht an die im Text erläuterten Rationalitätsstandards hält.

Es ist m. E. dringend geboten, beide Formen des Irrationalismus entschlossen und energisch zurückzuweisen.

 

Weitere Beiträge

Ulrich Kutschera über den Gender-Kreationismus

Ulrich Kutschera (Bild: X. Wang, San Francisco, CA, USA, CC BY-SA 3.0)
Eine Rezension zu „Das Gender-Paradoxon“ Ulrich Kutschera ist Biologe und Professor für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie an der Universität Kassel. Dem breiten Publikum wurde er durch seine Kritik am religiösen Kreationismus bekannt. Seit geraumer Zeit unterzieht er eine andere Form des Kreationismus, den Genderismus,...

Opferverliebte Journalistinnen - Unterwerfung, die sich genießen lässt


Wer reißt sich schon um den Job bei der Müllabfuhr oder den Fernfahrern, wenn er über die Option einer Philosophieprofessur verfügt. Dass das eine leichter als das andere zu haben ist, stellt niemand in Frage.
Da die Akademikerquote von Frauen aber nicht geringer als die von Männern ist, kommt es offenbar darauf an, was sie daraus machen. Und sie machen anderes daraus als Männer. Sie wählen, was...

Räuberinnen-Rhetorik


Anne Wizorek hat einen ebenso meinungsstarken wie begründungsschwachen Artikel geschrieben, der erstaunlicherweise von "Cicero" veröffentlicht wurde.
Warum erstaunlicherweise? Nun weil es sich leicht erkennbar um feministische Rhetorik handelt, um moralisch überhöhte frauenpolitische Propaganda.
 

Sklerose im deutschen Wissenschaftssystem


Die Politik beeinflusst die deutschen Universitäten zunehmend. Es sei besonders auf die sogenannte Exzellenzinitiative verwiesen.
Das hat Auswirkungen auf die Vergabe von Spitzenpositionen, denn immer weniger Universitäten bekommen immer mehr Geld. Das finanzielle Kapital in Form von Drittmitteln ist z. B. in medizinischen Fächern das wichtigste Zuweisungskriterium für eine universitäre...

Männer in den Medien: Drei Forderungen an Journalisten, die ihre Verantwortung ernst nehmen


Der Deutsche Genderkongress 2015 macht auf die dringende Notwendigkeit einer konstruktiven Männerpolitik in unserer Gesellschaft aufmerksam. Hierfür ist eine faire, nicht-sexistische Behandlung von Männern in unseren Medien unabdingbar. Die folgenden Absätze erklären, in welchen drei Bereichen verantwortungsbewusste Journalisten besonders gefordert sind.
1. Berichten Sie über männliche Opfer...

Deutung statt Erklärung


Die Frauenforschung, die zusätzlich aber irreführend als Geschlechterforschung bezeichnet wird, problematisiert das Frau-Sein. Denn es gibt eine Minderheit von Frauen, die ihr Frau-Sein nicht zu akzeptieren vermögen.
Man könnte sie deswegen die Nicht-Frauen-Frauen nennen. Deren selbstbezogenes Unbehagen an der eigenen Existenz wird nun von ihnen selbst untersucht und gedeutet - aber nicht...

„Gender“-Theorie?


In der österrechichen Zeitung „Der Standard“ gelangt man, wenn man in der Suchfunktion „gender“ eingibt, auf eine feministische Seite, die sich „Die Standard“ nennt.
So wird man gleich eingestimmt auf das Niveau, das einen hier erwartet. Ich greife unter den verschiedenen Beiträgen den von Sonja Fercher mit dem Titel „Der Kampf gegen das ´andere Geschlecht´“ heraus.
 

Frauenpolitik 2015 – wohin geht der Weg?


Manuela Schwesig bezeichnet sich gerne als Bundesfrauenministerin. Dafür ist ihr der solidarische Zuspruch der Hälfte der deutschen Wählerschaft schon mal sicher. Die andere Hälfte der Bevölkerung - die männliche - könnte dabei jedoch Irritationen verspüren.
Es ist bekannt: Die große Mehrheit der Männer unterstützt staatliche Frauenförderung und steht zum Teil selbst für erhebliche...