30. September 2016, von der Redaktion

Gerhard Amendt, Professor für Geschlechter- und Generationenforschung, hat einen offenen Brief an Manuela Schwesig geschrieben - der Vorwurf: Vereitelung von Forschung.

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Doch zunächst die Vorgeschichte: Wenn Eltern sich trennen, stellt sich meist die Frage, wer die Kinder betreut. Viele Eltern möchten auch fortan gemeinsam für die Kinder sorgen, auch wenn Vater und Mutter nicht mehr zusammenleben. Das deutsche Unterhaltsrecht tut sich damit schwer, es erkennt nur einen Elternteil als "erziehend" an, während der andere den vollen Unterhalt zu begleichen hat, selbst wenn beide die Hälfte aller zeitlichen und finanziellen Mühen aufbringen.

Schon länger steht die Forderung nach einem Doppelresidenzmodell im Raum, das der Lebenswirklichkeit getrennter aber dennoch gemeinsam erziehender Eltern gerecht werden soll. Das Familienministerium gab die Studie „Kindeswohl und Umgangsrecht“ in Auftrag, um zu ermitteln, wie sich verschiedene Betreuungsmodelle auf das Wohl der Kinder auswirken. Parteilich motivierte Elternverbände trugen diverse Proteste an die Verantwortlichen heran. Wie die „Welt am Sonntag“ recherchierte, wurde daraufhin das Studiendesign im laufenden Prozess auf Anweisung des Familienministeriums verändert.

Eine Befragung der Kinder ist nur noch gestattet, wenn entweder beide sorgeberechtigten Elternteile gemeinsam oder der Elternteil mit dem alleinigen Sorgerecht zustimmen. Dies, so Kritiker, schließe aber gerade die heiklen Fälle aus der Studie aus - nämlich jene, in denen beide sorgeberechtigten Elternteile sich uneins über die gemeinsame Obsorge seien.

Zumindest als Eingriff des Ministeriums in die Forschungsfreiheit ist dieses Vorgehen zu deuten. Gerhard Amendt, Professor für Geschlechter- und Generationenforschung kritisiert nun Familienministerin Manuela Schwesig für dieses Vorgehen in einem offenen Brief, den wir folgend im Original wiedergeben.

Offener Brief an die Bundesfamilienministerin

Prof. Dr. Gerhard Amendt - vormals Institut für Geschlechter und Generationenforschung Universität Bremen

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Schwesig, mit der PETRA-Studie möchten Sie eine „eine empirische Grundlage dafür (..) schaffen, Umgangsregelungen nach Trennung stärker am Wohl und an den Bedürfnissen von Kindern anzupassen und Belastungen zu vermindern.“ Gegen diese Forschung gibt es Beschwerden, die Ihnen zugetragen wurden. Erfahrungsgemäß kommen die vom Verband Alleinerziehender Mütter und Väter oder ähnlichen Organisationen, die von Ihrem Hause finanziert werden und in einem Verhältnis der Abhängigkeit und faktischen Weisungsgebundenheit stehen.

Dass Sie bereit sind, das Forschungsdesign im Sinne der Beschwerdeführerinnen zu verändern, legt die Vermutung nahe, dass Sie die Tradition Ihres Hauses fortsetzen, Forschung zu unterbinden, die zur Humanisierung von Trennung beitragen kann. Das BMFSFJ hat eine bemerkenswerte Geschichte, Forschung zu vereiteln, die die Realität von Partnerschaften und Familien abbilden kann. Dazu zählt auch der Bereich von Gewalt in der Trennungsphase. Die erste Studie dazu, die Bremer Scheidungsväterstudie wurde deshalb nicht vom BMFSFJ finanziert, sondern vom Stifterverband für Deutsche Wissenschaft. Sehr zu unserer damaligen Überraschung hat die Bremer Scheidungsväterstudie annähernd gleiche Gewalthäufigkeiten von Männern und Frauen in ca. 30% aller Trennungen nachgewiesen. Weil das der Ideologie von gewaltfreien Frauen widersprach, sah sich das BMFSFJ genötigt, eine eigene Studie zur Gewalt gegen Männer zu vergeben.

Auch die Studie von 2004 hatte den entscheidenden Haken, dass damals schon über Manipulationen des Forschungsdesigns eine wirklichkeitsnahe Abbildung von Gewalt blockiert werden sollte. Es waren alle Fragen untersagt, die auf Gewalttätigkeit von Frauen hätten ein Licht werfen können. Es durften nur Gewalterfahrungen von Männern erhoben werden, die sich außerhalb der häuslichen vier Wände ereigneten. Gewalt von Frauen blieb damit draußen vor! So lässt sich Gewalt nicht ernsthaft bekämpfen. Die Studie war deshalb familienfeindlich, denn sie begünstigte Gewalt in Partnerschaften - es war ein Beitrag zu deren Verstetigung.

Dem BMFSFJ ist der schwere Vorwurf zu machen, dass auch die PETRA-Studie nicht ernstlich daran interessiert ist, Scheidungen für Kinder weniger belastend zu gestalten. Vor allem soll das Wechselmodell totgeschwiegen werden, das in Ländern wie den USA, Schweden und Kanada sich durchsetzt. Dass das Ministerium die Kritik seines eigenen wissenschaftlichen Beirats übergeht, ist vielsagend.

Ich fordere Sie auf, die Zensur der PETRA-Studie zu unterbinden, damit es um die Humanisierung der Scheidung für Kinder geht und nicht um die Zementierung altmodischer Vorurteile in ihrem Haus. Diese sind ein ernst zu nehmendes Hindernis für eine konfliktlösende Familienpolitik.

gez. Gerhard Amendt

 

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